Psychische Gesundheit betrifft uns alle, doch der offene Umgang damit fällt vielen schwer. Was hält Menschen davon ab, offen über ihre psychischen Belastungen zu sprechen?
PD Dr. med. Diehl: Psychische Erkrankungen sind immer noch Tabu-belastet, auch wenn es eine erfreuliche Entwicklung weg von der Stigmatisierung gibt. So werden psychische Erkrankungen zum Teil immer noch mit Schwäche, persönlichem Versagen oder einer Gefahr für die Allgemeinheit assoziiert. Dies überwiegend auf dem Boden von Missverständnissen und Unwissen, was durch gesellschaftliche Aufklärung und individuelle Beratung weiter korrigiert werden könnte.
„Indem wir psychische Erkrankungen zum Thema machen, Wissen und tatsächliche Erfahrungen erwerben und verbreiten im Unterschied zum Forttragen von Vorurteilen, Vermutungen und Unterstellungen, kann jeder von uns einen gesellschaftlichen Effekt hin zu einem achtsamen und respektvollen Miteinander unterstützen.“
- Herr PD Dr. med. Diehl, der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
Stress, Leistungsdruck und ständige Erreichbarkeit gehören für viele Menschen zum Berufsalltag. Ab wann wird „normaler“ Stress zu einer ernsthaften Belastung? Und welche Warnsignale sollten wir ernst nehmen?
PD Dr. med. Diehl: Stress im Sinne einer körperlichen und mentalen Reaktion auf Herausforderungen ist per se nicht gleich krankhaft, sondern ein wichtiger Teil unseres Lebens und kann, insbesondere bei Wirkungserleben nach Bewältigung, sehr erfüllend sein und psychisch stabilisieren. Fehlt dieses Wirkungserleben, fühlt man sich ausgeliefert und überfordert. Fehlen Phasen der Erholung nach Belastungen, dann wird der Stress schädlich und kann sogar zu körperlichen und seelischen Erkrankungen führen.
Typische, aber sehr unterschiedlich kombinierte Warnsignale sind anhaltendes Erschöpfungsgefühl, Motivations- und Antriebsmangel, Unruhe, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, verminderte Freudfähigkeit und sozialer Rückzug. Wenn solche Anzeichen über Wochen bleiben oder rasch zunehmen, ist das ein deutliches Signal, genauer hinzuschauen, ggf. auch professionelle Beratung einzuholen.
Welche Möglichkeiten gibt es im Alltag, die eigene psychische Gesundheit zu stärken und langfristig besser mit Stress und Belastungen umzugehen?
PD Dr. med. Diehl: Grundsätzlich sind immer eine Prüfung und Bewertung der schädlichen Stressoren sinnvoll, wenn diese erkennbar sind. Kann eine Belastung durch Hilfestellung, Delegation oder gar Vermeidung verändert werden? Da dies nicht immer möglich ist, helfen auch grundsätzliche Maßnahmen wie etablierte Tagesrhythmen und Routinen, realistische Tagesplanung und Zielsetzungen, bewusste Pausen, Entspannungsverfahren. Auch regelmäßige körperliche Aktivität, ausreichend Schlaf und eine gute soziale Einbindung sind sehr wichtig.
Wie können Arbeitgeber und Führungskräfte die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz aktiv fördern?
PD Dr. med. Diehl: Die klare Formulierung von Zuständigkeiten, Aufgaben und Erwartungen in Abgleich zu den Fähigkeiten und Ressourcen, wechselseitige Rückmeldung sowie Hilfestellungen bei Schwierigkeiten und eine gesunde, lösungsorientierte Fehlerkultur können oftmals schädlichen Stress vermeiden. Zu den Arbeitgeberaufgaben gehören auch Gesundheitsförderung und ein niederschwelliger Zugang zu Beratung.
Das diesjährige Motto zum Tag der seelischen Gesundheit lautet „Miteinander statt nebeneinander – für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt“. Was können wir als Gesellschaft konkret tun, damit Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht ausgegrenzt, sondern einbezogen werden?
PD Dr. med. Diehl: Die „Gesellschaft“ reagiert nicht im Sinne eines kollektiven Bewusstseins gleichzeitig und spontan, sondern jeder Einzelne als Teil davon muss etwas initiieren und verfolgen, um einen gesellschaftlichen Effekt zu bekommen. Indem wir psychische Erkrankungen zum Thema machen, Wissen und tatsächliche Erfahrungen erwerben und verbreiten im Unterschied zum Forttragen von Vorurteilen, Vermutungen und Unterstellungen, kann jeder von uns einen gesellschaftlichen Effekt hin zu einem achtsamen und respektvollen Miteinander unterstützen. Das lohnt sich auch für die bislang psychisch völlig Gesunden, denn die Wahrscheinlichkeit innerhalb der Lebenszeit zumindest einmal behandlungsbedürftig psychisch krank zu werden liegt bei über 50%.
Wenn Sie sich für den Tag der psychischen Gesundheit eine Sache wünschen könnten, die sich in unserer Gesellschaft oder Arbeitswelt verändert: Was wäre das?
PD Dr. med. Diehl: Psychische Herausforderungen sind genauso wie körperliche für ein gesundes und erfülltes Leben wichtig. Nicht jede Belastung und psychische Reaktion ist krankhaft. Wenn sich aber die genannten Warnsignale verstetigen und steigern, müssen Möglichkeiten der Beratung, Unterstützung und ggf. Behandlung nicht nur niederschwellig vorhanden sein, sie müssen auch ohne Nachteile nutzbar sein, so wie dies bei körperlicher Symptomatik längst selbstverständlich ist.
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